Finnischer Tango Titel

Fragen an Buket Alakus

Der Protagonist Alex in »Finnischer Tango« hat so seine Ecken und Kanten. Warum ist er Ihrer Meinung nach dennoch eine starke Identifikationsfigur?

Alex ist zu Beginn der Geschichte ein egoistischer und in seinen moralischen Grundsätzen eher unreflektierter Zeitgenosse. Ein Typ, dessen Grenzen zunächst nur von seinen Bedürfnissen bestimmt werden, der nicht einmal davor scheut, einem Behinderten den Ausweis zu klauen!
Erst im erzwungenen Zusammenleben mit den Behinderten entwickelt Alex zaghaft wirkliche Bindungen zu diesen ganz besonderen Menschen und Gefühle von Verantwortung. Am Ende lernt er, seinen Gefühlen Raum zu geben und zu ihnen zu stehen und um seinen Freund zu trauern.
Diese innere Reise unseres Helden Alex, der sich nach außen hin ziemlich cool gibt und dann doch spielerisch Lösungen für die Sorgen seiner WG-Mitglieder findet, das sollten Gründe sein, warum man am Ende, diesen schrägen Typen sein Herz schenkt. Mein Herz hat Alex, weil er es für ihn von Anfang an egal ist, ob sein Gegenüber ein Behinderter ist oder nicht: er bestiehlt sie und er hilft ihnen, ohne die üblichen Vorurteile im Kopf.
 

In vielen Situationen in »Finnischer Tango« wird die unsichtbare Grenze zwischen Normalität und Andersartigkeit in Frage gestellt. Sind es diese Momente, die den Film so humorvoll werden lassen?

Ich glaube schon: schließlich verbindet Lachen alle Menschen, egal welcher Herkunft, egal ob sie zu den sogenannten Normalen zählen oder zu den »Andersartigen«. Es wäre schön, wenn die Zuschauer, nachdem sie »Finnischer Tango« gesehen haben, ein wenig ihre Vorurteile fahren lassen, sich von dem Witz des Filmes mitreißen lassen und erst die Menschen sehen und dann ihre Besonderheiten. »Finnischer Tango« stellt das Gemeinsame in den Mittelpunkt, der Film will eher verbinden und weniger trennen und Humor ist das Mittel, das Herz des Zuschauers zu berühren und zu bewegen.
 

Haben Sie es während der Dreharbeiten als Tabubruch empfunden, die Behinderten Mitbewohner so humorvoll und sinnlich in Szene zu setzen?

Nein, gar nicht. Meine gehandicapten Schauspieler haben mich von Anfang an zum Lachen bringen können und ich habe bei ihnen eine ungezwungene Lebenslust gesehen, die ich oft selber nicht so einfach leben kann. Ehrlich gesagt, war es für mich der größere Tabubruch, offen über Sex zu sprechen und dabei ist es egal gewesen, ob jemand behindert ist oder nicht. Das war eine aufregende Sache, aber da alle, und zwar wirklich alle, Darsteller viel cooler waren, als ich selbst, entwickelte es sich zu einer entspannten und lehrreichen Arbeit.
 

Im Film geht es nicht nur um die Grenzen zwischen WG und Außenwelt, sondern vor allem auch um die Beziehungen unter den Mitbewohnern. Inwiefern beeinflusst das Zusammenleben in der WG bzw. die Zusammenarbeit im Theater auch die Interaktion mit der Außenwelt?

Auch hier geht es um Menschen, die lieben, leiden, Geheimnisse haben, sich helfen, verraten und gemeinsam durch »dick und dünn gehen« – auf der Bühne ebenso wie bei ihren häuslichen Streitereien. Im Mittelpunkt stehen Gefühle und Situationen, die jeder kennt – unabhängig von dem Grad der Unversehrtheit.
Wenn ich mir wünschen könnte, wie der »Finnische Tango« von den Zuschauern erlebt wird, dann würde ich mir wünschen, dass sie beim Lachen und Mitfiebern mit den Figuren auch nebenbei verstehen, dass es verschiedene Arten an Behinderungen gibt: solche, die man sofort sieht, und andere, die fürs Auge unsichtbar bleiben!

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